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Bindung und Bindungsstile

Die Fähigkeit zur sicheren Bindung ist in jedem von uns angelegt und bereit, zu erblühen.

Was ist Bindung?

John Bowlby, der bekannteste Bindungsforscher unserer Zeit, sagte:
"Bindung ist das gefühlsgetragene Band, das eine Person zu einer anderen spezifischen Person anknüpft und das sie über Raum und Zeit miteinander verbindet."

Dieses Band ist in einem unbelasteten Kontakt entspannt und locker. Es spannt sich, wenn Sorge und Belastungen im Kontakt auftauchen.
Wenn eine emotionale Bindung einmal etabliert ist, dann ist sie etwas sehr Stabiles, was über Zeit und Raum hinaus spürbar ist und wirkt. Also eine Ressource für‘s Leben! Das heißt auch, dass wir gewisse Aspekte einer stabilen Bindung brauchen, um körperlich zu überleben, seelisch unversehrt zu bleiben und uns entwickeln und entfalten zu können. Wir Menschen sind, wie alle anderen Säugetiere auch, absolute Bindungswesen. Bindung ist Leben, Bindung ist Überleben.

Die Natur hat es so eingerichtet, dass bereits in der Schwangerschaft eine intensive emotionale Bindung zwischen Mutter und Kind entsteht (in einem gewissen, oft ähnlich großen Maß auch zwischen Vater und Ungeborenem). Während des Geburtsprozesses werden in den Körpern von Mutter und Kind fein ausgewogene Mischungen aus Hormonen ausgeschüttet, die sowohl den Geburtsprozess
vorantreiben als auch die emotionale und körperliche Bindung nach der „Entbindung“ ermöglichen und verstärken.

Wieso ist Bindung so unverzichtbar?

Als Menschen kommen wir, wie du bereist erfahren hast, in einem sehr unreifen Zustand zur Welt. Wir haben bereits beleuchtet, dass kleine Babys mit einer großen Menge an unvernetzten Nervenzellen zur Welt kommen. Das Ausmaß an naturgegebener Hilflosigkeit, das wir in den ersten Monaten und Jahren
unserer Kindheit erleben, entspricht dem Maß an naturgemäßer Abhängigkeit von unseren Bezugspersonen. Da wir ohne unsere Bezugspersonen nicht überleben können, ist unsere autonome Ausrichtung absolut auf Bindung gepolt. Die Bindung an unsere Bezugspersonen ist also nicht „nur“ emotional, sondern auch instinktiv, auf einer sehr basalen Ebene als absolute Priorität angelegt. „Wir sind auf einer tiefen genetischen Ebene, gewissermaßen an der Basis unseres körperlichen Seins, auf Bindung ausgerichtet. Alles in uns ist darauf programmiert, Bindung aufzubauen und Verbindungen zu stiften, nach dem Motto: Wenn ich mich alleine nicht schützen kann, rettet mich die Fähigkeit, mich
an jemanden zu binden, der es kann. Die starke Bindungsfähigkeit von Kindern und Eltern hat also eine überlebenssichernde Funktion.“ (Bin ich traumatisiert? König 2021)
Stephen Porges beschreibt, dass Säuglinge in der Lage sind, die Gesichtsausdrücke ihrer Bezugspersonen zu entschlüsseln noch bevor sie in der Lage sind, scharf zu sehen. Besser gesagt: die Mimik der Bezugspersonen wird automatisch als Sicherheit gebend oder verunsichernd bewertet. Das gilt ebenso für der Klang ihrer Stimme. Der Vagusnerv, oder auch das „soziale Engagement System“,
wie Porges es nennt, ist enorm früh aktiv und autonom für uns wirksam. Statt also aufstehen und uns autonom bewegen zu können, wie andere Säugetiere, sind wir Menschen sehr früh spezialisiert auf das Lesen von Mimik und Ausdruck und auf das Einordnen akustischer Marker der Stimme. Denn darüber ist es uns möglich, Bedrohung oder Sicherheit zu empfinden.
Dass wir als Spezies bis heute so erfolgreich überdauert haben (sicher kann man nicht alles als erfolgreich bezeichnen… 😉 ), obwohl wir als hilflose, abhängige Bündel zur Welt kommen, hat explizit damit zu tun, dass wir so sehr auf Bindung gepolt sind. Evolutionär betrachtet erhöht ein starkes Bindungsverhalten die Überlebenswahrscheinlichkeit. Diese innere Ausrichtung auf Bindung findet Ausdruck in unserem sogenannten Bindungssystem.

Was ist das Bindungssystem?

Zu Beginn ein Beispiel: Stelle dir eine Elefantenfamilie vor, die durch die Steppe läuft. Große und kleine Elefanten bewegen sich in einem Verbund durch die Landschaft. Ab und zu tröten die kleinen Elefanten fröhlich und die großen tröten zurück. Die Elefanten laufen nun schon so lange, dass ein kleiner Elefant immer weiter zurückfällt. Zuerst versucht er aufzuholen und trötet etwas lauter, doch als der Abstand zu groß wird, trötet er laut und schrill, sodass die Herde stehen bleibt und ihn wieder in die Mitte integriert. Der kleine Elefant hat den Bindungsschrei ausgestoßen. Er ist unverkennbar und alarmierend für die erwachsenen Elefanten und löst eine augenblickliche Reaktion aus. Der Bindungsschrei ist ein Ausdruck unseres Bindungssystems, das unser Überleben in und durch die Gemeinschaft sichern soll.

Der Begriff „Bindungssystem“ entstammt der Bindungstheorie (nach John Bowlby, James Roberts und Mary Ainsworth). Es umschreibt einen biologischen Mechanismus, der für die Herstellung und Regulation unserer tiefen Bindungen zuständig ist. Schlicht ausgedrückt hat das Bindungssystem die Aufgabe, den Bindungsaufbau zu gewährleisten und eine sichere Basis in der Beziehung zueinander zu kreieren. So wird die Motivation kleiner Kinder, Schutz und Sicherheit bei Bezugspersonen zu suchen, durch das Bindungssystem reguliert. Das Bindungssystem ist also dafür zuständig, dass wir einander wahrnehmen und auf einer sozialen Ebene miteinander interagieren, immer auf der Suche nach wohltuender Nähe und emotional-psychischer Sicherheit (erinnere: Bindung ist gleichbedeutend mit Leben).
Aus dem Bindungssystem entspringen die Impulse uns anzunähern oder zu entfernen und die Balance zwischen Nähe und Autonomie gelingt über ein gesundes Bindungssystem. Das Bindungssystem ist also eine wichtige innere Instanz zum Kreieren, Aufrechterhalten und Erleben von nährenden Beziehungen.
Da es für Sicherheit verantwortlich ist, wird es immer dann aktiv, wenn wir Sicherheit benötigen, etwa indem unsere Grundbedürfnisse erfüllt werden.
Für kleine Kinder ist die Erfüllung ihrer Grundbedürfnisse durch Bindungspersonen existenziell, da sie es nicht selbst tun können.

Der Bindungsforscher Dr. Karl Heinz Brisch unterscheidet verschiedene, wesentliche Grundbedürfnisse, die für eine gesunde Entwicklung wichtig sind:

Zutaten für eine stabile Bindung als Lebenswichtiges System:
Die Erfüllung physiologischer, für das Überleben essenzieller Bedürfnisse

  • wie z.B. Luft zum Atmen, Wärme (Schutz vor Kälte oder Hitze)
  • das Stillen von Hunger und Durst
  • die Möglichkeit zu einem ausgeglichenem Schlaf-Wachrhythmus
  • Balance zwischen Aktivität und Ruhe...
    • Diese physiologischen Bedürfnisse wollen in zyklischen Abständen befriedigt werden, die dem Kind entsprechen (Feinfühligkeit)

Geborgenheit und Sicherheit durch Bezugspersonen
• Ohne emotionale Versorgung wäre der Säugling ebenso verloren und könnte nicht wachsen und gedeihen, wie wenn ihm Wasser und Luft zum Atmen fehlten. Die feinfühlige Reaktion auf Signale der Angst, die durch Trennung, Schmerz, Gefahr und auch innere, affektiv belastende emotionale Prozesse (etwa Albträume) entstehen kann, setzt eine emotional verfügbare Bindungsperson voraus, die den Säugling in diesen Signalen wahrnimmt und angemessen und prompt mit Körperkontakt und Beruhigung darauf reagiert, um auf diese Weise die ängstlichen
Affekte des Säuglings zu regulieren (Brisch&Hellbrügge, 2008). Diese feinfühligen
Interaktionserfahrungen sind nicht nur im Säuglingsalter, sondern über den gesamten Lebenszyklus von großer Bedeutung für die Entwicklung eines Gefühls von emotionaler Sicherheit. Hierzu gehören auch die Verbalisation von emotionalen Erfahrungen beim Kind, etwa wenn es Angst hat, sowie Berührung, Blickkontakt und eine emotionale Verfügbarkeit des Interaktionspartners (Brisch, 1999).

Exploration ohne Angst
• Sobald eine sichere Bindung etabliert ist, die Bindungspersonen also ein sicherer Hafen sind, entstehen daraus die Kraft der Neugierde und der Wunsch die Welt zu erkunden
• Hier braucht das Kind Unterstützung durch die Bindungspersonen, die feinfühlig Exploration zulassen und zugleich für Sicherheit sorgen
• Gelingt diese Regulation nicht, erlebt das Kind entweder eine Überstimulation oder eine Unterstimulation. Beides liegt außerhalb des Stresstoleranzfensters des kleinen Wesens, was zu ungünstigen Prägungen führen kann.

Sensorische Stimulation
• Alle Wahrnehmungskanäle und Sinne eines Babys sind auf das Aufsaugen von sensorischen Reizen aus der Außen- wie auch Körperinnenwelt ausgerichtet. Der Säugling möchte mit allen Sinnen erleben und wahrnehmen: dazu gehören Augen, Ohren, Mund und Nase, sowie die Haut als das größte Sinnesorgan des Menschen. Zudem spürt das Kind alle Wahrnehmungsreize, die vom Körperinneren kommen und teilweise in sein Bewusstsein dringen. Auch Bewegungen und die Spannung von Sehnen und Muskeln, werden dem Gehirn mitgeteilt und führen zu einer Art „sensorischen Landkarte“, die einen wichtigen Entwicklungsschritt darstellt. Ohne
Erfahrungen durch sensorische Stimulationen ist eine gesunde Entwicklung nur bedingt möglich.
• Wenn es gelingt, Kinder feinfühlig mit wohltuendem Körperkontakt, freudvoller Bewegung und angenehmen Stimuli auf allen Sinnesebenen zu versorgen, können sie sich optimal entfalten, fühlen sich sicher und lernen die Welt als einen freundlichen und doch hoch interessanten Ort kennen.

Selbstwirksamkeit
• Selbstwirksamkeit bedeutet, dass die eigenen Handlungen einen (gewünschten) Effekt erzielen und dass wir dafür wertgeschätzt, beglückwünscht und gefeiert werden
• Bereits im ersten Lebensjahr entwickeln Kinder eine hohe Motivation, selbstwirksam zu sein.
Sowohl durch ihre eigenen Bewegungen, die Folgen haben (Mobilé, Rasseln etc.) als auch durch ihre Interaktionen mit anderen (Lächeln, Laute…)
• Das Entwickeln von Selbstwirksamkeit ist essenziell wichtig für das Entwickeln eines Selbstwertgefühls
• Eine einfache Formel umschreibt die Wichtigkeit der Selbstwirksamkeit, die Kinder vor allem mit Bindungspersonen als Zeugen oder Beteiligte entwickeln:
Selbst können + Wertschätzung = Selbstwert
• In unserem Gesellschaftssystem gibt es viele Haltungen, die Selbstwirksamkeit nicht gerade fördern…

Abwehr und Vermeidung von aversiven Reizen
• (aversiv = starke Ablehnung hervorrufend) Es ist ein wichtiges Grundbedürfnis kleiner Kinder, sich vor unangenehmen Stimuli zu schützen und vor ihnen geschützt zu werden. Bereits im Mutterleib und von Geburt an kann man beobachten, dass sich Kinder im Rahmen ihrer Möglichkeiten körperlich gegen aversive Reize zu schützen versuchen, indem sie etwa den Kopf wegdrehen, ihre Hände vor das Gesicht führen, den Mund verschließen oder weinen
• Aversive Reize können beispielsweise sein: Schmerz, Kälte, Lautstärke, Gewalt etc.
• Wenn das Abwehren von aversiven Reizen nicht gelingt, gibt es kein Gefühl von
Selbstwirksamkeit, sondern von Ohnmacht und Ausgeliefertsein (Stress/Trauma)
Die Erfüllung dieser Grundbedürfnisse ist für kleine Kinder nicht weniger als überlebenswichtig.

Ist einer oder mehrere dieser Bereiche defizitär, führt es zu Symptomen (die auch im Erwachsenenalter eine Rolle spielen können).

Was ist „Feinfühligkeit“ in diesem Kontext?
Die Bindungsperson muss die Signale des
Kindes
• wahrnehmen
• richtig interpretieren
• angemessen darauf reagieren
• prompt darauf reagieren

Zur feinfühligen Interaktion gehören
• Sprache
• Rhythmus
• Blickkontakt
• Berührung

Sprache
Die Verbalisierung, also das in- Worte- fassen
• der „inneren Welt“
• der affektiven Zustände
• und der Handlungszusammenhänge des Säuglings
ist enorm wichtig für den eingestimmten Kontakt und das Gefühl von Sicherheit (gesehen sein, gefühlt werden, den anderen fühlen).

Rhythmus
Der Rhythmus der Interaktion in Handlung und Sprache ist wichtig, denn er fördert eine sichere Bindung durch die:
• wechselseitige Abstimmung in der Interaktion und Kommunikation, also abwechselndes Sprechen und Handeln
In einer unsicheren Bindung sehen wir über-synchrone Interaktion und Kommunikation, also häufiges gleichzeitiges Sprechen und Handeln oder gar eine absolut asynchrone Interaktion, also unbezogenes Handeln und Sprechen. Das ist purer Stress. (bei heftigen Streits/Diskussionen, wenn alle durcheinander reden)

Blickkontakt
Ein Blick sagt mehr als tausend Worte… Ein freundlicher, tröstender, warmer, aufmunternder, heiterer… Blick kann tief berühren und ist ein wichtiger Bestandteil sicherer Bindung und vertrauensvoller Kommunikation

Berührung
Eine Berührung sagt mehr als tausend Worte und als tausend Blicke. Eine Berührung ist ein Verstärker für das, was da ist. Die Qualität einer Berührung zeigt dem Nervensystem innerhalb von Sekunden, ob jemand sicher oder bedrohlich ist. Eine Berührung ist die ehrlichste und intensivste Art der Rückmeldung.

Die Forschung zeigt, dass die Person mit der größten Feinfühligkeit in der Interaktion zu der Hauptbindungsperson für den Säugling wird (nicht die, die sich am häufigsten „kümmert“). Feinfühligkeit ist der Schlüssel zur sicheren Bindung.

Wann wird das Bindungssystem aktiviert und wie sieht das aus?
Noch bevor Flucht-, Kampf- oder Unterwerfungsreaktionen unter Bedrohung und Stress aktiviert werden, wird das Bindungssystem aktiviert. Wir orientieren uns unwillkürlich in Bruchteilen von Sekunden an anderen Menschen und nehmen wahr, wie sie die Situation bewerten und wie sie reagieren. Das wiederum beeinflusst unsere Reaktion. Das Bindungssystem wird also immer unter Stress aktiviert.

Was lehrt uns die Bindungstheorie?
Wir wissen, dass durch wiederholte Erfahrungen starke neuronale Netzwerke entstehen (die wir u.U. auch innere Anteile nennen). Besonders die Erfahrungen unserer ersten Jahre prägen sich tief in unser Gehirn und unser Implizites Gedächtnis ein. Die Bindungserfahrungen, die wir mit unseren Bindungspersonen machen, stellen demnach ebenso starke Prägungen in unserem Innern dar. Ein
Ausdruck dieser Prägungen ist unser sogenannter Bindungsstil. Dieser Begriff umschreibt eine Art inneres „Arbeitsmodell“ (Strategien), das unbewusst unsere Verhaltensweisen und Bewertungen in sozialen Interaktionen mit bedeutsamen Menschen steuert.

Man unterscheidet in der Bindungspsychologie 4 Bindungsstile:
• sicher gebunden (ca 60%)
• unsicher gebunden (ca 40%)
o unsicher-vermeidend (ca 20%)
o unsicher-ambivalent (oder ängstlich) (ca 10%)
o desorganisierter Bindungsstil und Bindungsstörungen (ca 10%)

Die Art und Weise, wie unsere Bindungspersonen mit uns umgehen, ist also ausschlaggebend dafür, welchen Bindungsstil wir entwickeln. Schauen wir uns das genauer an.
Bindungsstile wurden in klinischen Studien mit Eltern und Kindern komplex erforscht und wir betrachten hier einmal mehr die für uns wesentlichen Essenzen aus diesem Forschungsgebiet.
Aktuelle Zahlen sagen, dass die sichere Bindung mit ungefähr 60%-70% in unserer westlichen Gesellschaft der am häufigsten vertretene Bindungsstil sei. Wenn dem so ist, ist das wunderbar, wobei es auch bedeutet, dass etwa 40% der Bevölkerung entweder unsicher gebunden sind oder sogar desorganisierte Bindungsstile oder eine Bindungsstörung aufweisen.

Eine grobe Einteilung des Bindungssystems

Unsere Bindungsstile repräsentieren den Zustand unseres Nervensystems. Auch das Bindungssystem kann überaktiviert oder unter- bis deaktiviert sein, ganz ähnlich wie wir es aus der Polyvagaltheorie kennen.

 

Ein Überblick über die 3 verschiedenen Arten von Bindungsstilen
Bevor wir genauer auf die 4 Bindungsstile eingehen, sei gesagt, dass die meisten von uns einen Mix aus verschiedenen Bindungsstilen in sich tragen. Den eigenen Bindungsstil zu kennen, kann hilfreich sein, um sich selbst gut und immer weiter kennen und verstehen zu lernen und damit auch eigene zunächst oft noch unbewusste, belastende Muster lösen zu können. Betrachten wir Bindung als ein Fundament für die Persönlichkeit.

Sichere Bindung
breites solides Fundament
Wenn wir uns Bindung als ein Fundament für die Persönlichkeit vorstellen, dann bietet die sichere Bindung ein breites und solides Fundament. Wenn wir sicher gebunden sind, also als Kinder die Erfahrung der sicheren Bindung gemacht haben, dann wirkt das wie ein psychischer Schutz bei Belastungen. Sichere Bindung ist eine gute Voraussetzung für eine stabile Persönlichkeit, eine hohe Resilienz, ein großes Stresstoleranzfenster und dementsprechend auch eine Widerstandskraft bei
Belastungen. Die sichere Bindung ist tatsächlich die beste Voraussetzung für ein entspanntes Leben.

 

Unsichere Bindung (ängstlich/ambivalent und vermeidend)
schmales und weiches Fundament
Die unsichere Bindung stellt eher ein schmaleres und weicheres Fundament dar. Auf einem solchen Fundament ist man nicht ganz trittfest. Deswegen stellt die unsichere Bindung in der Biografie ein gewisses psychisches Risiko bei Belastungen dar. Die Resilienz ist geringer, als wenn wir sicher gebunden aufwachsen und die Gesamtpersönlichkeit ist etwas instabiler oder vulnerabler, also verletzlicher bzw. bedarf einer liebevollen Zuwendung, um sich nachträglich in ihre Kraft entwickeln zu können. Ein Bindungsstil ist kein Stigma und keine Diagnose, sondern lediglich ein "Stil". Unsichere Bindungsstile entstehen unter Stress und sind somit intelligente und oft rettende Überlebensstrategien und Anpassungsleistungen.

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Wie entstehen die Bindungsstile?

Die sichere Bindung
Der sichere Bindungsstil ist, wie bereits erwähnt, die Basis für einen gesunden Selbstwert und für eine starke Persönlichkeit. Wenn jemand sicher gebunden ist und die sichere Bindung als Bindungsstil lebt, ist er im Kontakt mit einer anderen Person frei. Dieser Mensch kann erkunden und reflektieren. Das heißt, er ist nicht befangen und nicht verunsichert – natürlich gibt es auch mal Verunsicherung, aber
nicht grundlegend und latent. Menschen mit einem sicheren Bindungsstil können sich frei ausdrücken und bewegen. Sie sind ohne Schwierigkeiten in der Lage, zwischen dem Kontakt zu sich selbst und dem Interagieren mit einem anderen zu fließen. Das heißt, sie sind in der Lage bei sich zu sein, während sie mit dem Gegenüber verbunden sind. Das ist ein wunderbarer Zustand, den wir auch als
gesunde, ausgewogene Beziehung verstehen würden. Egal, was Menschen je geschehen ist und was für einen Bindungsstil sie entwickelt haben, die Anlage zur sicheren Bindung ist im Menschen immanent vorhanden und kann jederzeit zur Entfaltung kommen.
Bei einem Menschen, der sicher gebunden ist, sind das Bindungsbedürfnis und das
Autonomiebedürfnis im Gleichgewicht. Beziehungsgestaltung ist kein Problem.

Auf der linken Seite siehst du die Bindungsperson und auf der rechten Seite das Kind. Das Kind wendet sich mit seiner Bindungssuche an die Bindungsperson. Damit eine sichere Bindung entstehen kann, ist es wichtig, dass die Bindungssuche erwidert wird, so wie es in diesem Bild zu sehen ist. Daraus entwickelt sich eine liebevolle Verbindung zwischen Bindungsperson und Kind. Das nennen wir in der Entwicklungspsychologie, sichere Bindung.

Wie zeigt sich die sichere Bindung?
Wenn ein Kind sicher gebunden ist, dann gelingt die Co-Regulation. Dementsprechend hat die Bindungsperson die Fähigkeit, das Kind zu trösten und ihm aus einem übererregten Nervensystem herauszuhelfen in einen regulierten Zustand. Das ist die Basis dafür, dass man sich später im Erwachsenenalter oder schon im Aufwachsen, immer besser selbst regulieren kann.
In der sicheren Bindung empfindet ein Kind wirkliche, reale Sicherheit. Es fühlt sich sicher und erlebt optimale Bedingungen, um die Welt entdecken zu können, und sich entspannt zu entwickeln.
Sichere Bindung bedeutet, genährt zu sein. Die Nahrung, die von den Bezugspersonen kommt, macht satt. Sie ist liebevoll. Sie ist zuverlässig. Sie ist nährend. Daraus kann ein wunderbares Selbstvertrauen erwachsen. Das Kind hat also die Chance, sich selbst in dieser sicheren Bindung und empfundenen
Sicherheit, immer mehr in ein gesundes Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein hinein zu entwickeln.
Nicht zuletzt sei erwähnt, dass in der sicheren Bindung das Gefühl von Urvertrauen zuhause ist. Ein Urvertrauen, das das Gefühl enthält, in dieser Welt willkommen und erwünscht zu sein und das auch das Gefühl enthält, dass die Welt ein angenehmer Ort ist und dass Menschen gut sind. Dieses Urvertrauen führt zu einer Resilienz, die auch später hilft, sich im Leben zu positionieren und auch
große Herausforderungen meistern zu können.

Der unsicher vermeidende Bindungsstil
Wie entsteht der unsicher vermeidende Bindungsstil?
Auch hier siehst du wieder die Bindungsperson und das Kind. Ich werde dir 3 Varianten von Erlebensmöglichkeiten zeigen, die ein Kind unter den Umständen erlebt, die einen vermeidenden Bindungsstil entstehen lassen.

Das Kind wendet sich mit seiner Bindungssuche an die Bindungsperson aber die Bindungsperson kann diese Bindungssuche nicht erwidern. Sie wird aktiv zurückgewiesen. Entweder durch ein harsches Abweisen etwa durch Sätze, wie: „Stell dich nicht so an!“, „Das ist nicht so schlimm!“, „Krieg dich wieder ein!“, oder „Jetzt muss es mal wieder gut sein.“, „Du störst!“, „Das will ich jetzt nicht hören!“
und dergleichen mehr. Auch das Vertröstet werden auf einen späteren Zeitpunkt lässt die Bindungssuche des Kindes abprallen. Vermutlich fallen dir weitere Beispiele ein, es gibt leider unzählige.
Was all die Beispiele gemein haben, ist, dass die Bindungssuche des Kindes von der
Bindungsperson abgeblockt wird.

Die zweite Variante, die diese Bindungspersonen oder Bindungsperson anbietet, ist, dass die Bindungssuche überhaupt nicht erwidert wird, so dass das Kind sich mit seiner Bindungssuche an den Erwachsenen wendet und auf ein Nichts trifft. Es passiert einfach nichts. Es gibt keine Erwiderung der Bindungssuche. Das kann passieren, wenn Eltern etwa depressiv sind, unter Alkohol oder
Substanzmitteleinfluss stehen, stark dissoziiert sind oder aus anderen Gründen nicht in der Lage sind, die Bindungssuche des Kindes zu erwidern. Wie du in der Abbildung an dem Fragezeichen siehst, wirkt das auf ein Kind natürlich sehr irritierend und es wird mit seiner Bindungssuche allein gelassen.

Die dritte Variante, hier wendet sich das Kind mit seiner Bindungssuche an die Bindungsperson und die Bindungssuche wird erwidert aber nur in Kombination mit einer Forderung, die zur Bedingung für Zuneigung oder Aufmerksamkeit wird.
Etwa: „Erst wenn du das und das gemacht hast, werde ich mir Zeit für dich nehmen.“, „Nur wenn du erst dein Zimmer aufräumst … nur wenn du heute Abend früh ins Bett gehst...“, „…und wenn du dann eine gute Note schreibst…“. Es wird also eine Bedingung an die Erwiderung der Bindungssuche geknüpft. Die innere Überzeugung: „Ich bin nur willkommen mit meinen Bedürfnissen/habe nur eine
Existenzberechtigung, wenn ich…“ ist dann eine wahrscheinliche Folge.

Diesen drei Varianten, die übrigens meistens gemeinsam vorkommen, ist gemein, dass das Kind mit seiner Bindungssuche in größtem Maße, also überwiegend, unversorgt bleibt. Das bedeutet, dass das Kind nach und nach in eine Einsamkeit gerät. Es hat keine Möglichkeiten mehr, seine Bindungssuche gut zu platzieren.
Das sind die Situationen, in denen der dorsale Vagus greift. Weil keine Co-Regulation stattfindet, oder ein Kontakt Stress erzeugt, greift der dorsale Vagus und das Kind gerät innerlich in eine Isolation.

Wie zeigt sich der vermeidende Bindungsstil?
All das hat zur Folge, dass sich der Selbstfokus des Kindes erhöht. Das Kind nimmt sich selbst in übersteigertem Maße wahr und bleibt auf seinen Empfindungen sitzen, da der Kontakt mit anderen schmerzhaft ist.
So entsteht die Strategie, sehr auf sich selbst fokussiert zu sein.
Infolgedessen entwickeln sich Glaubenssätze wie: „Ich mache es besser selbst. Wenn ich mich an jemand anderen wende, erfahre ich Zurückweisung, Bestrafung oder ich laufe ins Leere. Diesen Schmerz meide ich.“. Unterm Strich könnte man sagen, das Bindungssystem des Kindes resigniert, es gibt auf und wird „deaktiviert“. Im Nervensystem entspricht das einer dorsal-vagalen Energie.
Es kommt später zum Selbstschutz durch das Vermeiden von Bindung. Menschen panzern sich als unverletzbar und leben nicht selten die Strategie: „Ich verlasse dich, bevor du mich verlässt.“

Der ambivalente Bindungsstil
Wie entsteht der ängstliche/ambivalente Bindungsstil

Wie bei der sicheren Bindung gibt es hier eine liebevolle Verbindung. Die Bindungsperson ist präsent und für das Kind zugänglich. Das ist aber nicht der einzige Zustand, in dem diese Bindungsperson ist. Sie geht in Stresssituation manchmal auf das Kind ein und manchmal nicht. Das Kind meldet sich
deswegen immer früher, da sein Bindungssystem durch die Umstände überaktiviert ist. Manchmal ist die Bindungsperson sehr angespannt, besorgt, ängstlich oder kontrollierend, was dem Kind Signale von Gefahr und fehlender Sicherheit sendet.
Manchmal verschwindet die Bindungsperson. Das bedeutet, dass sie in einer gewissen Art und Weise in ihrer emotionalen und auch körperlichen Verfügbarkeit und Zugänglichkeit unzuverlässig ist. Die Gründe dafür können unterschiedlichster Ursache sein, wie emotionale Schwankungen oder Probleme, die vereinnahmend sind. Dadurch erscheint die Bindungsperson für das Kind plötzlich unerreichbar
und wird unsichtbar und unzugänglich. Weil das Kind auch eine sichere, liebevolle Verbindung zu der präsenten Bindungsperson kennt, ist das natürlich hoch noterzeugend und das Kind fängt nun an, sich übermäßig auf die Bezugsperson auszurichten und ihr „nachzugehen“. Es richtet alle Sinne, seine gesamte Feinfühligkeit, seine Wahrnehmung und Energie auf das schmerzlich vermisste Gegenüber aus.

Wie zeigt sich der ambivalente Bindungsstil?
Das Bindungssystem ist hyperaktiv. Das Kind verliert mehr und mehr den Kontakt zu sich selbst. Es kommt immer weniger in die Energie, mit sich selbst wirklich verbunden zu sein. Der Fokus ist ganz beim anderen. Es entwickeln sich Glaubenssätze wie „Wenn ich nur genügend Anstrengung oder genügend Aufmerksamkeit in die Beziehung gebe…“, oder „Wenn ich nur den anderen stabilisiere und für Harmonie sorge, dann fühle ich mich sicher. Nur wenn ich das tue.“. Das heißt, hier hat das Kind sehr viel Verantwortung, den anderen zu beeinflussen, um ein Stückchen Co-Regulation zu erfahren. Das ist sehr, sehr anstrengend und eben, wie gesagt, mit Not verbunden. Hier gerät der ventrale Vagus unter Stress. Auch später im Leben werden Bindungsunterbrechungen
als hochstressig erlebt. Es entwickeln sich Helfersyndrome und eine hohe Bereitschaft, sich aufzugeben für die Bindungsperson.

Wenn wir die Essenzen der sicheren Bindung verstehen und verinnerlichen,
schaffen wir einen Raum der heilenden Begegnung für alle Menschen, die von
verletzenden Bindungserfahrungen heilen wollen.

 

Quelle: Verena König 2025