Der kontrollierte Ausstieg aus dem Streit
Ein entscheidender Schritt, um das Fundament eurer Beziehung zu stärken, ist der kontrollierte Ausstieg aus dem Streit. Dabei geht es vor allem darum, Sicherheit und Stabilität in eurer Partnerschaft zu schaffen. Ziel ist es, dass ihr gemeinsam lernt, emotionale Konflikte bewusst zu beenden und euch aus diesen kräftezehrenden Situationen zurückzuziehen, bevor sie Schaden anrichten.
Streit schadet der Liebe
Um die Auswirkungen von Streit besser einordnen zu können, hier einige Ergebnisse aus Umfragen zum Thema „Streit in Paarbeziehungen“:
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73 % geben an, dass starke Emotionen eskalieren
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7 % wollen lediglich ihre Meinung austauschen
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20 % wollen sich durchsetzen
Eine weitere Umfrage „Was passiert durch Streit?“ zeigt:
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64 % sind anschließend verwirrt
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26 % fühlen sich nicht gehört
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10 % wiederholen immer wieder dieselben Punkte
Negative Folgen von Streit:
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Eskalation und Verharren auf dem eigenen Standpunkt
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Zeit- und Energieverlust
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Steigerung von Wut und Gereiztheit
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Machtspiel-Dynamiken
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Kaum konstruktive Ergebnisse
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Wiederholung alter Muster
Reflexion
Bevor ihr aktiv an einem Streitausstieg arbeitet, lohnt es sich, folgende Fragen ehrlich zu beantworten und ggf. mit eurem Partner zu besprechen:
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Wie oft bewirkt Streit tatsächlich Positives?
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Wie lange dauern eure Konflikte in der Regel?
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Welche Gefühle bleiben nach einem Streit zurück?
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Wie hoch ist der Anteil unfreundlicher Momente im Vergleich zu freundlichem Miteinander? (Stellt euch einen Kreis wie bei einer Pizza vor und teilt die Anteile auf)
Das Commitment: bewusst aussteigen
Ich lade euch ein, ein gemeinsames Commitment zu treffen: Steigt aus dem Streit aus, bewusst und unterstützt euch gegenseitig dabei.
Dieser Schritt schafft Beruhigung, Stabilität und spürbare Sicherheit in eurer Beziehung.
Hier folgt eine praktische Anleitung für den kontrollierten Ausstieg aus dem Streit:
Schritt 1: Aufmerksamkeit wecken
Wer erkennt, dass ein Streit entsteht, kann sagen:
„Mir fällt gerade auf, dass wir streiten. Ich beobachte, dass ....“
Der andere hört sofort auf, bleibt ruhig und achtet darauf, keine der vier Eskalationsfallen zu bedienen: Kritik, Verachtung, Rechtfertigung oder Mauern.
Schritt 2: Bitte um Ausstieg
Wenn der erste Schritt nicht ausreicht, folgt die Bitte:
„Ich bitte dich, lass uns aufhören zu streiten.“
Schritt 3: Konsequenzen benennen
Sollte auch das nicht helfen, wird die zuvor vereinbarte logische Konsequenz genannt:
„Wenn du meine Bitte ignorierst, werde ich für 30 Minuten den Raum verlassen.“
Die Vereinbarung über Rückzug und Ausstieg sollte vorher gemeinsam festgelegt werden.
Schritt 4: Ort der Krise verlassen
Die Umsetzung erfolgt konsequent:
„Wir können keine konstruktive Lösung finden, solange wir streiten. Ich gehe jetzt für 30 Minuten weg und komme zurück, wenn wir wieder liebevoll miteinander umgehen können.“
Während der Auszeit kann jeder zu sich selbst zurückfinden. Ablenkungen sind nicht sinnvoll – hilfreich sind z. B.:
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Entspannungsatem
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Spaziergang oder Bewegung
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Musik hören oder tanzen
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Meditation
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Zeit in der Natur
Nach dem Rückkehr-Treffen
Wenn ihr wieder zusammenkommt, ist es wichtig, dem Partner die Chance zur Klärung zu geben. Vereinbart einen späteren Zeitpunkt für ein konstruktives Gespräch.
Quelle: K. Klees (2018): Traumasensible Paartherapie, Junfermann.
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Die Vier apokalyptischen Reiter
Die Bezeichnung „Vier apokalyptische Reiter“ stammt von John und Julie Gottman. Ich möchte dich einladen, achtsam zu beobachten, ob und in welchem Ausmaß diese Reiter in eurer Beziehung auftauchen. Versucht, sie frühzeitig zu erkennen und zu vermeiden.
Meist treten die Reiter in dieser Reihenfolge auf: Kritik, Verachtung, Rechtfertigung, Mauern.
1. Kritik
Es gibt einen großen Unterschied zwischen einer Beschwerde und Kritik.
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Beschwerde: Bezieht sich auf ein bestimmtes Verhalten, z. B. „Du hast vergessen, den Müll rauszubringen.“
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Kritik: Bezieht sich auf die Person selbst, z. B. „Du bist immer so nachlässig!“
Kritik greift den Charakter oder die Persönlichkeit des Partners an und öffnet Tür und Tor für weitere, gefährlichere Reiter.
Gegenteil von Kritik: äußere einen Wunsch!
2. Verachtung
Verachtung ist der gefährlichste Reiter und äußert sich z. B. durch:
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Sarkasmus oder Zynismus
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Augenrollen
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Verhöhnen, respektlosen Humor
Verachtung drückt Ablehnung aus und vergiftet jede Beziehung. Ein Partner, der Verachtung spürt, wird sich nicht auf Lösungsgespräche einlassen können. Verachtung entsteht oft aus langen, negativen Gedankenschleifen über den Partner.
Gegenteil von Verachtung: schenke Respekt!
3. Rechtfertigung
Rechtfertigungen wie „Das Problem liegt nicht bei mir, sondern bei dir“ wirken oft harmlos, eskalieren jedoch Konflikte, weil:
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Der Partner sich nicht zurückzieht oder entschuldigt
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Die Verantwortung nach außen verschoben wird
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Die Diskussion weiter aufgeladen wird
Rechtfertigung ist also meist ein unbewusster Versuch, Schuld abzuwälzen, statt Lösungen zu finden.
Gegenteil von Rechtfertigung: übernimm Verantwortung!
4. Mauern
Wenn Kritik, Verachtung und Rechtfertigung eine Krise eskalieren lassen, zieht sich ein Partner manchmal emotional oder physisch zurück – er „mauert“.
Beispiel: Ein Mann kommt nach Hause, begegnet ständiger Kritik und zieht sich hinter die Zeitung zurück. Je weniger er reagiert, desto mehr eskaliert die Partnerin, bis er schließlich den Raum verlässt. Mauern kann kurzfristig Konflikte vermeiden, langfristig aber die Beziehung schwächen und Abstand schaffen.
Gegenteil von Mauern: bleibe in Verbindung!
Fazit:
Die Vier Reiter zu erkennen und bewusst zu vermeiden, ist ein zentraler Schritt, um Konflikte konstruktiv zu lösen. Indem ihr achtsam bleibt und frühzeitig reagiert, könnt ihr emotionale Sicherheit und Stabilität in eurer Beziehung fördern.